Die folgenden Zitate und Bilder stammen aus dem Buch von Thor Heyerdahl: Aku-Aku - das Geheimnis der Osterinsel

(aus dem Norwegischen von Karl Jettmar, Frankfurt am Main - Berlin 1972, Original erschienen in Oslo 1957)

 

Zitat (S. 58-63):

"Wer von einer Reise nach dem Mond träumt, kann sich davon auf der Osterinsel einen kleinen Vorgeschmack verschaffen, wenn er an den Kegeln ihrer erloschenen Vulkane herumklettert. Nicht nur, dass ihm dann unsere hektische Welt unendlich fern erscheinen wird, versunken hinter der blauen Krümmung des Ozeans, auch die Landschaft ringsum gibt ihm die Illusion, auf dem Mond zu sein. Es ist ein freundlicher kleiner Mond, der da zwischen Himmel und Meer liegt. Gras und Farnkraut decken die baumlosen Ringberge, die verschlafen zum Himmel gähnen, alt und moosüberwuchert, ohne die Flammenzungen und -zähne ihrer tätigen Vergangenheit.

Ganze Sippschaften friedlicher Vulkane hocken, zu kleinen Familien geschart, auf der Insel. Sie sind innen und außen mit Grün überwachsen. Die Zeit ihrer Ausbrüche liegt so weit zurück, dass in manchen Kratern himmelblaue Seen mit wiegendem, saftig grünem Schilf die treibenden Wolken widerspiegeln. Einer der größten dieser wassergefüllten Vulkane heißt Rano Raraku, und hier scheinen die Männer im Mond ihre eifrigste Tätigkeit entfaltet zu haben ...

Das ganze Bergmassiv ist umgeformt worden, der Vulkan wie Backwerk zerschnitten und zerstückelt, und dabei ist der Stein so hart, dass selbst der Hieb einer stählernen Axt nur Funken daraus schlägt. Zehntausende von Kubikmetern massiven Gesteins hat man losgehauen, Zehntausende von Tonnen in gewaltigen Blöcken weggeführt. Und mitten in der klaffenden Wunde des Berges liegen mehr als hundertfünfzig, gigantische Steingestalten, fertige und unfertige in allen Stadien des Werdens, von den rohesten Anfängen bis zum letzten Schliff. Am Fuß des Vulkans stehen gewaltige Steinmänner aufrecht in Reih und Glied wie eine Armee von Überirdischen, und man fühlt sich, selbst zu Pferde oder im Jeep, winzig klein, wenn man sich ihnen auf den uralten Wegen nähert, die die verschwundenen Bildhauer zu ihrer gewaltigen Werkstätte angelegt haben ....

Die Länge der Figuren beträgt nicht selten zehn Meter, und die größte Statue, die wir unfertig am Hang des Vulkans entdeckten, maß sogar zweiundzwanzig Meter. Rechnet man drei Meter je Stockwerk, dann erreicht dieser Steinmann die Höhe eines siebenstöckigen Wohnhauses. Wahrhaftig ein großer Bergtroll!

In Ranu Raraku fühlt man sich dem Geheimnis der Osterinsel am nächsten. Die Luft schwirrt von Rätseln; man erstarrt unter dem stummen Blick von hundertfünfzig augenlosen Gesichtern. Von überallher sehen einen die riesigen Gestalten an, von jeder Felsstufe, aus jeder Höhle im Berg, wo ungeborene und gestorbene Kolosse wie in Krippen oder auf dem Krankenbett liegen, leblos und hilflos, da die planenden und schaffenden Kräfte sie verlassen haben ...

Als sich das Auge daran gewöhnt hatte, Natur von Menschenwerk zu unterscheiden, erkannten wir, dass der ganze Berg ein einziges Gewimmel von Leibern und Köpfen bildete, vom Tal bis hinauf zum äußersten Rande des Kraters .... Der Schwarm der Steinphantome machte nicht einmal am Kraterrande Halt. In einer ununterbrochenen Prozession, Seite an Seite und übereinander, ging es weiter, die Kraterwände hinab ins Innere des Vulkans ....

Als wir dann mit den Grabungsarbeiten begannen, wurde der Eindruck keineswegs schwächer. Die berühmten Köpfe der Osterinsel waren schon groß genug, wie sie da auf den Hängen am Fuß des Vulkans standen, aber wenn wir uns an den Hälsen entlang in die Tiefe gruben, kam noch der Brustkasten zum Vorschein, und darunter lagen Bauch und Arme, der ganze massige Körper, bis zu den Hüften, wo sich lange, dünne Finger mit krummen Riesennägeln unter der Magengrube trafen.

Ab und zu fanden wir im Boden vor einer Statue auch Menschenknochen und Reste eines Scheiterhaufens ...

... Es war schon für einen Taukletterer ohne jedes Gepäck schwer genug, das Schädeldach eines solchen Kolosses zu erklimmen. Um so weniger begriff ich, wie man ihm auch noch einen steinernen "Hut" hatte aufsetzen können. Denn dieser "Hut" umfasste immerhin sechs Kubikmeter. Wie konnte man das Gewicht von zwei ausgewachsenen Elefanten auf die Höhe eines vierstöckigen Hauses hieven, wenn es keinen Kran und auch keinen höher gelegenen Punkt in der Nähe gab? Die wenigen Menschen, die auf dem Scheitel der Figur stehen konnten, hätten kaum die Möglichkeit gehabt, auch noch einen riesigen Steinblock auf die schmale Fläche hinaufzuziehen, weil sie ja aufpassen mussten, dass sie nicht selbst abstürzen ...

... Um das Problem bei der Wurzel anzupacken, studierten wir zuerst die vielen Figuren, die unfertig auf den Stufen des ungeheuren Steinbruchs lagen. Es war klar, dass die Arbeit plötzlich eingestellt worden war. Tausende von primitiven, ungeschliffenen Steinbeilen bedeckten noch immer den Arbeitsplatz, und da die Bildhauer gleichzeitig an mehreren Riesen gemeißelt hatten, fanden wir alle Stadien der Erstehung vertreten. Zuerst gingen sie offenbar auf die nackte Bergwand los und formten Gesicht und Brustseite der Figur. Dann arbeiteten sie sich an den Seiten in die Tiefe vor und bildeten die Ohren, die Arme und die langen Finger, die sich stets über den Bauch legten. Zum Schluss meißelten sie sich von beiden Seiten bis unter den Leib, so dass der Rücken die Form eines Bootes annahm, mit einem schmalen Kiel, der zunächst noch mit dem gewachsenen Felsen zusammenhing.

Wenn die Schauseite bis ins letzte Detail gediehen war, wurde sie überarbeitet und gründlich glatt poliert. Man vermied aber sorgfältig, die Augen unter den Brauenwülsten zu markieren. Zunächst sollte der Riese blind bleiben. Dann wurde der Kiel unter dem Rücken losgeschlagen, der Koloss aber einstweilen mit Steinen verkeilt, damit er nicht abglitt und in die Tiefe fuhr. Erstaunlicherweise war es den Bildhauern gleichgültig, ob sie ihr Werk in einer senkrechten Wand, auf einem waagrechten Plateau, mit dem Kopf nach oben oder unten begannen. Die halbfertigen Riesen lagen wie auf einem Schlachtfeld kreuz und quer nach allen Richtungen. Nur eine Regel wurde immer eingehalten: der Rücken blieb bis zuletzt mit der Felswand verbunden. war der verbindende Grat weggehauen, begann der halsbrecherische Transport die Felswand hinunter bis zum Fuß des Vulkans. In einzelnen Fällen hatte man die vielen Tonnen schweren Kolosse aus einer senkrechten Wand herausbalanciert und quer über andere Statuen weggeschleppt, die auf tieferen Etagen noch bearbeitet wurden. Viele zerbrachen während des Transports, aber die Mehrzahl kam unversehrt zu Tal, das heißt, wohl unversehrt, aber ohne Beine, denn jede Statue endete dort, wo der Unterleib in die Beine übergehen müsste, mit einem glatt abgeschnittenen Fundament ... Am Fuß der Bergwand lag eine dicke Schicht von vielen tausend Tonnen abgeschlagenen Materials, das vom Steinbruch heruntergerieselt war. Hier wurden die Figuren in Gruben, die man in diesen Schutthügeln ausgehoben hatte, hochgekippt. Erst wenn sie standen, konnten sich die Bildhauer dem unfertigen Rücken widmen. Nacken und Schulterpartie gewannen Form. Um die Mitte markierte man einen schmalen Gürtel, umgeben mit Ringen und Symbolen - das einzige Kleidungsstück der sonst nackten Statuen. Fast ausnahmslos handelte es sich um Männer.

Aber der rätselhafte Weg der Steinkolosse endete nicht hier im Schutt. Sobald der Rücken bearbeitet war, wanderten sie weiter zu ihren offenen Tempelplätzen. Die meisten hatten ihr Ziel offenbar auch erreicht; nur eine kleine Zahl stand noch auf der Warteliste zur Weiterbeförderung von den Gruben am Fuß des Vulkans. Alle anderen fertigen Riesen hatte man schon abtransportiert, weit weg über die ganze Insel. Einzelne hatten ihren Platz mehr als fünfzehn Kilometer vom Steinbruch entfernt gefunden ...

... Das merkwürdigste war, dass man die Kolosse nicht in ungeformten Blöcken transportierte, die einen Stoß vertragen konnten, sondern als fertige Menschenfiguren, bis ins letzte ausgearbeitet, von den Ohrläppchen bis zu den Fingernägeln. Nur die Augenhöhlen fehlten noch.

Am Bestimmungsort wurde der blinde Steinriese keineswegs einfach abgestellt, indem man ihn in ein Loch im Boden gleiten ließ. Ganz im Gegenteil, man hob ihn hoch und setzte ihn auf eine "Ahu"- oder Tempelplattform, wo er sich, mit der Grundfläche mehrere Meter über dem Erdboden, gewaltiger denn je in die Höhe reckte. Dann erst meißelte man die Augenhöhlen ... Und dann kam das Tüpfelchen aufs i: Es wurde ihm der "Hut" auf den Kopf gestülpt, ein "Hut", der mitunter zehn Tonnen wog ...

Übrigens ist es nicht ganz korrekt, von einem "Hut" zu sprechen, auch wenn das heute allgemein üblich ist. Der alte einheimische Name für diese Kopfzier ist "Pukao", das bedeutet Haarknoten. Sie stellt die übliche Frisur der Eingeborenen zur Entdeckungszeit der Osterinsel dar. Warum setzten die alten Meister diesen "Pukao" als Block für sich auf den Scheitel der Riesen? Warum konnten sie ihn nicht zusammen mit der übrigen Figur aus dem gleichen Stein herausmeißeln? Wohl weil ihnen die Farbe des Haarknotens besonders wichtig war. Sie holten diesen Teil vom entgegengesetzten Ende der Insel, über zehn Kilometer vom Rano Raraku entfernt. Dort waren sie in einen kleinen toten Vulkankrater eingedrungen, wo das Gestein eine ganz besondere, rötliche Farbe aufwies. Diesen rötliche Stein brauchten sie für das Haar ihrer Statuen. Also mussten die gelbgrauen Figuren von einem Ende der Insel und ihre Haarschöpfe vom anderen herbeigeschleppt werden. Auf über fünfzig Tempelplattformen rund um die Küste waren sie schließlich zusammen aufgestellt worden. Viele der Plattformen trugen vier, fünf oder sechs, eine sogar fünfzehn rothaarige Giganten Seite an Seite auf einer Mauer, die allein schon vier Meter hoch war ...

... Heute steht nicht ein einziger dieser Riesen mehr an seinem ursprünglichen Platz auf einer Tempelplattform. Schon Kapitän Cook (Weltumsegler) und vermutlich selbst Roggeveen (erster europäischer Entdecker und Namensgeber der Osterinsel in 1722, Anm. d. Verf.) kamen zu spät, um sie noch alle an Ort und Stelle anzutreffen. Aber unsere ersten Entdeckungsreisenden erschienen immerhin rechtzeitig genug, um bezeugen zu können, dass viele Statuen mit ihren roten "Pukaos" auf dem Kopf noch auf ihrem Posten standen. Um die Mitte des 19. Jh. stürzte der letzte Titan von seinem Tempel herab, und der rote Haarknoten rollte wie eine blutige Dampfwalze über die Steinplatten. Heute stehen nur noch die blinden, haarlosen Statuen in den Schuttlöchern am Fuß des Vulkans, das Haupt trotzig erhoben. Sie stecken so tief im Boden, dass kein einheimischer Feind es fertig brachte, sie umzuwerfen. Der einzige Versuch, einen der Köpfe mit Axthieben zu fällen, scheiterte, weil es den Henkern nicht gelang, sich tiefer als eine Handbreit in den Nacken ihres Opfers hinein zuarbeiten...

... Ist (der Transport) nicht ohne Maschinen ein Ding der Unmöglichkeit? Diese Leistung aber wurde von den ältesten Bewohnern der Osterinsel vollbracht. Eins ist sicher: wir haben es hier nicht mit der Arbeit eines Häufleins polynesischer Holzschnitzer zu tun, die, kaum an Land gestiegen, sich an die Felswände heranmachten, weil sie kein Holz zum Schnitzen fanden. Die rothaarigen Riesen mit ihren klassischen Gesichtszügen müssen von Seefahrern geschaffen worden sein, die aus einem Lande kamen, wo man im Transport von Monolithen die Erfahrung vieler Generationen besaß."

 

(S. 64)

"Hast du einmal davon gehört, wie die großen Moai-Statuen in alten Zeiten transportiert wurden?" erkundigte ich mich.

"Si, Senor", sagte sie überzeugt, "die gingen von selbst."

Und damit begann die alte Mariana mir eine lange Geschichte zu erzählen von einer Hexe, die am Rano Raraku hauste,damals, als die Bildhauer die großen Figuren herstellten. Durch ihre Zauberkraft blies sie Leben in die steinernen Riesen und trug ihnen auf, an ihre Plätze zu wandern. Aber eines Tages hatten die Steinmetze einen großen Hummer gegessen, und als die Hexe den leeren Panzer fand und daran merkte, dass man ihr nichts von dem leckeren Fleisch abgegeben hatte, wurde sie so böse, dass sie den wandelnden Statuen befahl, flach auf ihr Gesicht zu fallen - und seitdem hat sich keine mehr gerührt."

 

(S. 97)

 "Bürgermeister, du bist ein Langohr (nach Legenden der Einwohner die ersten Siedler auf der Osterinsel, sie sollen die Steinstatuen gebaut haben, Anm. d. Verf.), du musst doch auch wissen, wie diese Riesen aufgerichtet wurden."

"Aber ja, Senor, natürlich weiß ich das, es ist gar nichts dabei."

"Gar nichts dabei? Es ist eines der größten Geheimnisse der Osterinsel!"

"Aber ich weiß es. Ich kann einen solchen Moai aufstellen."

"Und wer hat dich das gelehrt?"

... "Senor, als ich ein kleiner Junge war, musste ich mich auf den Boden setzen, ganz gerade, und mein Großvater und sein alter Schwager Porotu ließen sich vor mir nieder, und genau wie heutzutage in der Schule brachten sie mir eine Menge bei. Ich weiß viel. Ich musste wiederholen und noch einmal wiederholen, bis alles ganz richtig war, jedes einzelne Wort ...

"Wenn du weißt, wie die Statuen aufgestellt wurden, warum hast du es nicht längst all denen erzählt, die vor uns hier waren und danach gefragt haben?" ...

"Mich hat niemand gefragt!"

(S. 99- 104)

"Die zwölf Langohren kamen von ihrer Höhle herüber, um einen Blick auf die Figur zu werfen und sich mit dem Problem vertraut zu machen. Die größte Statue von Anakena - das war der mächtige Bursche, der gleich hinter unserem Zelt mit der Nase im Boden lag: ein gedrungener Brocken von fast drei Metern Schulterbreite und einem Gewicht von etwa fünfundzwanzig und dreißig Tonnen. Das bedeutete, dass jeder einzelne von den Zwölf zwei Tonnen heben musste ...

Erstens war der Riese mit dem Kopf talabwärts gestürzt, zweitens lag seine Bodenfläche jetzt vier Meter tiefer als die gewaltige Felsplatte, auf der er ursprünglich geruht hatte. Der Bürgermeister zeigte uns die kleinen Steine, die die Kurzohren boshaft unter die Basis getrieben hatten, bis die Statue umfiel. Dann begann er die Arbeit zu organisieren, sicher und überlegen, als hätte er nie etwas anderes getan. Sein einziges Gerät bildeten drei runde Balken und eine Unmenge von Kieseln und größeren Steinen, die seine Mannschaft in der Umgebung sammelte. ...

Die Figur bohrte ihr Gesicht tief in die Erde, aber es gelang doch, die Spitzen der Stangen darunter zu schieben. Drei oder vier Mann hängten sich an das Ende jeden Hebels und zerrten aus Leibeskräften.

Der Bürgermeister lag indessen flach auf dem Bauch und schob kleine Steine unter den Kopf. Schließlich sahen wir eine schwache Bewegung, ein Zittern lief durch den Riesen, wenn sich die elf Burschen am äußersten Ende ihrer Hebebäume mächtig ins Zeug legten. Sonst geschah nichts, abgesehen davon, dass der Bürgermeister auf dem Bauch lag und Steine hin- und herschob. Aber die Stunden vergingen, und die Steine, die er auswechselte, wurden größer und größer. Als der Abend kam, erhob sich das Haupt des Riesen gut ein Meter über dem Boden. Der Spalt auf der Unterseite der Figur war dicht mit Geröll ausgestopft. Am nächsten Tag wurde der eine Balken als überflüssig weggelegt, fünf Mann arbeiteten nun an jedem der beiden übrigen. Der Bürgermeister betraute seinen jüngsten Bruder mit der Aufgabe, die Steine unter die Statue zu schieben, er selbst stellte sich auf die Tempelmauer. Wie ein Kapellmeister ruderte er mit den Händen durch die Luft und dirigierte seine Mannschaft mit knappen Befehlen und rhythmischen Rufen:

„Etahi, erua, etoru!  Eins-zwei-drei! Eins-zwei-drei! Festhalten! Drunter schieben! Und noch einmal: Eins-zwei-drei! Eins-zwei-drei!“

Am Ende des zweiten Tages hatten sie die Spitzen beider Balken unter die rechte Längsseite des Riesen geschoben, der sich ganz unmerklich zur Seite neigte. Aber das Unmerkliche wurde zu Millimetern, die Millimeter zu Zentimetern und die Zentimeter schließlich zu einem halben Meter. Dann wanderten die beiden Hebelarme hinüber zur linken Flanke des Riesen, die dieselbe Behandlung wie die Rechte erfuhr. Langsam rückte auch sie in die Höhe, wobei unzählige Kiesel unter ihr platziert wurden. Darauf begann das Spiel wieder auf der rechten Seite, und neuerlich auf der linken, man wechselte hin und her. Ständig wuchs die Statue empor, gebettet auf einem immer höher werdenden Steinhaufen. Am neunten Tag lag der Riese bäuchlings auf einer sorgfältig aufgeschichteten Pyramide, deren Spitze sich dreieinhalb Meter über dem Erdboden erhob. Ein leichter Schauer lief uns den Rücken hinunter, wenn wir den Giganten von fast dreißig Tonnen eine volle Mannshöhe über unseren Köpfen liegen sahen. Die zehn Männer reichten längst nicht mehr zu den Hebebäumen empor. Sie zogen jetzt an Tauen, die am Ende der Balken befestigt waren. Aber noch immer machte der Titan keine Anstalten, sich aufzustellen, auch sah man keinen Schimmer voll seiner Vorderfront. Sie ruhte in ihrer ganzen Länge auf der massiven Steinpyramide.

Es war ein bedrohlicher Anblick ... Jetzt schleppten die großen, kräftigen Burschen bloßfüßig und wiegenden Schrittes schwere Felsbrocken heran. Der Bürgermeister prüfte mit ungemeiner Vorsicht die Lage jedes einzelnen Steines. Unter dem Gewicht des Kolosses zer­brachen manche Steine wie Würfelzucker. Ein einziger ungeschickt gesetzter Kie­sel konnte eine Katastrophe hervorrufen. Aber alles war gründlich durchdacht, jede kleine Bewegung klar und logisch berechnet.

Uns schlug das Herz bis zum Hals herauf, wenn wir den Männern zusahen, wie sie ihre bloßen Zehen in die Spalten steckten, um an der Pyramide hochzuklettern, beladen mir neuen schwe­ren Steinblöcken. Jeder war auf seinem Posten, und der Bürgermeister ließ nicht eine Sekunde sein Werk aus den Augen. Er hielt alle Fäden in der Hand, nicht ein überflüssiges Wort wurde gewechselt. Von dieser Seite kannten wir ihn noch gar nicht; bisher war er uns mehr als ein lästiger Narr erschienen, ein Prahl­hans und Schwätzer, der im Lager keineswegs beliebt war mit seinen Aufschnei­dereien und den unverschämten Preisen für seine Schnitzereien. Aber jetzt zeigte er sich ruhig und besonnen, als geborener Organisator und ein wenig auch als technisches Genie. Wir begannen, ihn mit anderen Augen zu betrachten.

Am zehnten Tag lag die Statue auf ihrer endgültigen Höhe. Sie begann in unmerklichem Tempo, mit der Fußplatte voran, sich der Tempelmauer zuzuneigen, auf der sie stehen sollte.

Am elften Tag fing der Riese langsam an, sich aufzurichten. Noch immer wurden Steine verkeilt, aber nur noch unter Gesicht, Hals und Brust.

Am siebzehnten Arbeitstag tauchte plötzlich eine verrunzelte Alte unter den Langohren auf. Zusammen mit dem Bürgermeister legte sie einen Halbkreis von etwa ei-großen Steinen vor den Fuß der Statue auf die mächtige Platte, auf der der Riese nach einem festen Halt zu tasten schien. Es sah nach blanker Hexerei aus. Die Statue stand in einem bedrohlich steilen Winkel und schwebte sichtlich in Gefahr, durch ihr eigenes Gewicht wegzurutschen und die steile Mauerwand des Ahu hinunter auf den Strand zu rollen. Abgesehen von einer solchen Rutsch­partie, konnte sie auch nach allen Richtungen umkippen, wenn sie plötzlich von der Pyramide auf ihre zukünftige Basis hinübertaumelte. Um dies zu verhin­dern, ließ der Bürgermeister Taue um die Stirn des Riesen legen, die an vier Stellen mit Pfählen im Boden verankert wurden.

Dann kam der achtzehnte Arbeitstag. Während die einen drunten am Strand das eine Tau spannten und die anderen mit einem zweiten, das mitten im Lager um einen Pfosten gelegt war, dagegen hielten, gab man mit einem Hebebaum den letzten vorsichtigen Ruck. Plötzlich begann sich der Riese zu bewegen. Kommandorufe ertönten: „Festhalten! Festhalten!“

Der Titan richtete sich zu seiner vollen Größe auf und begann überzukippen. Die Pyramide stand plötzlich ohne Belastung da, es knirschte und rollte, schwe­re Blöcke polterten durcheinander, eine Wolke von Staub erhob sich. Der Koloss aber schwankte noch ein wenig hin und her und blieb dann aufrecht stehen. Un­berührt von dem Szenenwechsel, der sich vollzogen hatte, seit er vor langer, lan­ger Zeit auf dem gleichen Fundament gestanden hatte, schaute er über den Tempelplatz hinweg. Er ragte so hoch auf, dass er das Landschaftsbild veränderte. Sein breiter Rücken war wie eine riesige, weithin sichtbare Landmarke, und wir, die wir in den Zelten am Fuß der Mauer oder in seinem eigenen Schatten lagerten, kannten unsere gewohnte Umgebung fast nicht wieder. Wie ein nordischer Bergtroll blickte das Riesenhaupt über die Zeltdächer. Wenn wir in der Nacht durchs Lager gingen, war uns, als käme ein Ungeheuer von den Sternen herab, um im Dunkeln über die leuchtenden Zelte zu schreiten.

Zum erstenmal seit vielen hundert Jahren stand einer der Osterinselriesen wieder auf der Plattform seines Ahu. Der Gouverneur mit Familie, Geistlichkeit und Nonnen kamen im Jeep herüber, Pferdehufe klapperten vor unseren Zelten. Wer sich im Dorf frei machen konnte, pilgerte nach Anakena, um das Werk des Bürgermeisters zu besichtigen. Die Langohren trugen die Steinpyramide wieder ab, und Don Pedro sonnte sich in der allgemeinen Bewunderung. Er hatte bewiesen, dass er die Antwort auf eines der Rätsel der Osterinsel kannte. Hatte man etwas anderes von ihm erwartet, von ihm, Don Pedro Atan, dein klügsten Mann der Insel, ihrem Bürgermeister, dem Senior der Langohren? Wenn wir ihm genügend bezahlt hätten, hätte er jede einzelne Statue wieder auf ihren Ahu gesetzt. Was er an der ersten verdiente, das teilte er mit seinen Freunden, aber er beteuerte: Wenn ihn das nächste Kriegsschiff nach Chile mitnehme, dann sei eine Aussprache mit dem Präsidenten fällig. Ein paar Banknotenbündel auf den Tisch - und schon würden sich alle Statuen wieder an ihren Plätzen erheben! Mit nur elf Genossen und zwei Holzstangen hatte er diesen Riesen in achtzehn Arbeitstagen aufgestellt! Was könnte er nicht mit mehr Leuten und genügend Zeit vollbringen?

Ich zog den Bürgermeister an ein stilles Plätzchen und legte ihm feierlich die Hände auf die Schultern. Er stand da wie ein Vorzugsschüler und sah mich gespannt und erwartungsvoll an.

„Bürgermeister Don Pedro, jetzt kannst du mir wohl auch verraten, wie deine Vorväter die Figuren transportiert haben?“

„Sie gingen, sie spazierten einfach!“ antwortete er bestimmt.

„Unsinn!“ sagte ich enttäuscht und etwas irritiert.

„Ärgere dich nicht, ich weiß es auch nicht anders, und wir müssen den Erzählungen unseren Ahnen Glauben schenken. Allerdings haben die, von denen ich das hörte, es auch nicht mit eigenen Augen gesehen. Wer weiß, ob man nicht doch einen Miro manga erua verwendet hat.“

„Was ist denn das?“

Der Bürgermeister zeichnete ein Ypsilon erklärte, das sei ein Steinschlitten aus einem gegabelten Baumstamm.

„So etwas wurde jedenfalls gebraucht, wenn sie die großen Blöcke für die Mauern herbeischafften“, räumte er ein. „Und aus der zähen Hau-Hau-Rinde flochten sie dicke Stricke, genauso stark wie eure Trossen an Bord. Davon kann ich dir eine Probe liefern. Und einen Miro manga erua kann ich dir auch machen.

Wenige Schritte vor dem Lager grub einer der Archäologen eben eine Statue aus, die vollständig unter dem Sand gelegen hatte und daher der Nummerierung Pater Sebastians entgangen war. Sie besaß keine Augen, folglich hatte man sie noch während des Transports zu ihrem Bestimmungsort im Stich gelassen. Ich deutete darauf.

„Kannst du mit deinen Leuten diesen Moai weiterbewegen?“

„Nein, da müssten die anderen im Dorf mithelfen, und das wollen sie nicht. Auch wenn wir alle deine Grabungsmannschaften zusammenholen, haben wir nicht genug Leute.“

Die Statue war nicht besonders groß, eher unter dem Durchschnitt. Mir kam eine Idee. Ich kaufte zwei fette Ochsen, ließ sie schlachten und lud das ganze Dorf zu einem großen Fest ins Lager ein. In einem gewaltigen Erdofen wurden die Ochsen zwischen heißen Steinen gebraten. Die Langohren schaufelten dann vorsichtig den Sand weg, der über dem Ofen lag, und eine dampfende Schicht aus saftigen Bananenblättern wurde sichtbar. Als man dies ungenießbare Grünzeug beiseite schob, kam das dampfende, fein durchbratene Fleisch ans Licht. Der Duft der saftigsten Ochsenlenden, die man sich vorstellen kann, wehte zu der harrenden Menge herüber, die vor den Zelten lagerte. Unsere Helfer verteilten große, rauchende Fleischbrocken und Unmengen von Süßkartoffeln, Maiskolben und Kürbissen, die man gleichzeitig mit den Ochsen in dem unterirdischen Druckkocher zubereitet hatte. Die Gitarren wurden hervorgezogen, und bald war der Tempelplatz erfüllt von Gesang und Gelächter.

Inzwischen bereiteten die Langohren alles zum Tauziehen an der blinden Statue vor. Hundertachtzig Eingeborene stellten sich übermütig jauchzend an der langen Trosse auf, die um den Hals des Riesen befestigt war. Der Bürgermeister, mit neuem weißem Hemd und kariertem Schlips, fühlte sich in großer Form.

„Eins, zwei, drei! Eins, zwei, drei!“

Peng! Die Trosse riss. Es gab ein wildes Jubelgeheul, als plötzlich Männlein und Weiblein im Grase durcheinander kollerten. Der Bürgermeister lächelte etwas beschämt und gab Befehl, das Tau zweimal um die Figur zu legen. Und da begann sich der Koloss zu rühren! Zuerst nur in kurzen Rucken, aber dann glitt er plötzlich, als sei er aufgewacht, rasch über die Wiese dahin. Lazarus, die rechte Hand des Bürgermeisters, sprang auf das Gesicht des Titanen. Er brüllte und gestikulierte wie ein Gladiator im Triumphzug, während die Eingeborenen in langer Reihe geduldig die schwere Last zogen und ihre Begeisterung gen Himmel schrieen. Es ging so schnell, als hätte jeder von ihnen nur eine Seifenkiste im Schlepp.

Am anderen Ende der Wiese brachten wir schließlich den Zug zum Stehen.

Der Beweis war erbracht, dass hundertachtzig  gutgenährte Eingeborene eine Statue von zwölf Tonnen mit Leichtigkeit durchs Gelände ziehen. Hätten wir Holzkufen und noch mehr Leute zur Verfügung gehabt, so hätten wir zweifellos eine noch viel größere Figur abschleppen können.

Wir hatten also nun erlebt, dass man mit Wasser und Steinbeilen Statuen aus dem Felsen meißeln konnte, wenn man nur über genügend Zeit verfügte. Wir hatten uns davon  überzeugt, dass man mit Tauen und Holzkufen die Riesen von Ort zu Ort transportieren konnte, wenn einem nur genug Fäuste und Füße dienstbar waren. Wir hatten gesehen, dass sich die Kolosse wie aufgeblasene Luftballons erhoben und auf die Mauern stellten,  wenn man nur die richtige Methode dabei anwandte.

Es blieb nur noch ein technisches Geheimnis übrig: Wie wurde der runde Haarschopf auf den Scheitel der stehenden Figuren gesetzt? Die Antwort darauf ergab sich von selbst. Die Steinpyramide, die dem Riesen auf ihr Beine half, reichte wie eine Rampe fast bis zur Höhe des Kopfes, und mit der Hilfe des gleichen einfachen Systems konnte auch die rote Perücke hinaufbefördert werden. Stand die Statue samt Haarschopf dann auf ihrem Platz, wurde die Pyramide abgetragen. Erst als die Künstler starben, ohne Nachfolger zu haben, wurde der technische Vorgang zum Geheimnis. Heute fragt man sich: wie haben sie das fertiggebracht, ohne Eisen, ohne Kran und Maschinen? Die Antwort lautet ganz einfach:  es waren Menschen auf diese winzige Insel gekommen, die an praktischer Begabung und Schöpferdrang hinter niemand in der Welt zurückstanden. Sie bauten ihre babylonischen Türme auf einer soliden Grundmauer ererbter Tradition, in einer friedlichen, gesegneten Zeit. Jahrhunderte lang lebten sie unangefochten, nur mit Fisch und Wal als Nachbarn, auf dieser entlegensten Insel der Welt. Unsere Ausgrabungen zeigten, dass erst in der dritten Periode Waffen und Spieße auf der Osterinsel hergestellt wurden.

 

              

(S. 199 - 204)

„“Woher, glaubst du, kommen die rothaarigen Osterinselleute?“ fragte er.

„Oh, Gott, sei ruhig“ wehrte ich ab. „Ich weiß bloß, dass sie schon da waren, als die ersten Europäer landeten. Der Bürgermeister stammt aus einer solchen Familie, und außerdem haben alle Statuen rote Schöpfe. Wenn wir mehr sagen, stehen wir nicht auf dem festen Boden der Tatsachen.“

... „Glaubst du, dass sie vom Klima der Insel rothaarig geworden sind?“ fragte er weiter. ...

„Unsinn“ sagte ich. „Ich weiß natürlich, dass Leute mit rotem Haar auf die Insel gekommen sein müssen, jedenfalls einzelne Individuen.

„Gibt es welche in der Nachbarschaft?“

„Auf mehreren Inseln, zum Beispiel in der Marquesas-Gruppe.“

„Und auf dem Festland?“

„In Peru. Als die Spanier das Inkareich entdeckten, beschrieb Pedro Pizarro die herrschende Schicht, die sich von der Masse der kleinen, dunklen Anden-Indianer völlig unterschied; diese Menschen waren hochgewachsen und von hellerer Hautfarbe als die Spanier selbst. Von einigen Personen in Peru erwähnt er noch besonders, sie seien weißhäutig gewesen und hätten rotes Haar gehabt. Wir fanden diesen Typ in Mumien wieder. Bei Paracas, an der Küste des Stillen Ozeans, kennt man Friedhöfe mit mächtigen, luftigen Grabkammern. Der heiße Wüstensand hat die Mumien vollständig konserviert. Wenn man die bunte, noch unausgeblichene Umhüllung öffnet, findet man, dass bei einigen das Kopfhaar dunkel, glatt und dicht ist wie bei den meisten Indianern. Andere aber, unter denselben Verhältnissen beigesetzt, haben rotes, oft kastanienfarbenes Haar, seidig fein und gewellt wie bei Europäern. Es sind Langschädel; sie sind besonders hochgewachsen und unterscheiden sich stark von den heutigen Indianern Perus. Mehrere Experten stellten an Hand mikroskopischer Analysen fest, dass diese roten Locken all die kennzeichnenden Eigenschaften aufweisen, die die Haare der Europäer von denen der Indianer und Mongolen unterscheiden.“

„Und was sagen die Legenden? In einem Mikroskop sieht man doch nicht alles?“

... „Pizarro fragte, wer die weißen und rothaarigen Individuen seien. Darauf antworteten die Inka-Indianer, das seien die letzten Nachkommen der Viracochas, eines Göttervolkes hellhäutiger, bärtiger Männer. Die Europäer erin­nerten in ihrem Äußeren so sehr an dieses Volk, dass man auch sie Viracochas nannte. Es ist Tatsache, dass Francisco Pizarro mit einer Handvoll Spanier nur deshalb in das Herz des Inkareiches vorstoßen, den Sonnenkönig gefangen setzen und dessen ganzes riesiges Reich erobern konnte, weil die gefürchtete Riesenarmee der Inkas den Fremden kein Haar zu krümmen wagte. Die Inkas meinten nämlich, die Viracochas seien aus dem Stillen Ozean zurückgekehrt. Nach ihrer berühmtesten Sage hatte der Vorgänger der Inkas, der Sonnenkönig Con-Ticci Viracocha, Peru verlassen und war mit all seinen Untertanen in den Pazifik hinausgesegelt.

Als die Spanier den Titicacasee droben in den Anden erreichten, stießen sie dort auf die gewaltigsten Ruinen Südamerikas: Tiahuanaco. Sie staunten über einen kunstvoll in Terrassen aufgegliederten Berg, Mauern mit klassisch geformten Riesenblöcken und zahllose gewaltige Menschenfiguren aus Stein. Sie fragten die Indianer, wer diese ungeheuerlichen Werke geschaffen habe. Der bekannte Chronist Cieza de Leon bekam zur Antwort, sie hätten schon längst gestanden, als die Inkas zur Macht kamen, und seien von weißen Männern, so bärtig wie die Spanier selbst, errichtet worden. Am Ende ihrer Herrschaft hätten diese ihre eigenen Statuen und Mauern im Stich gelassen und seien unter ihrem Anführer Con-Ticci Viracocha zuerst nach Cuzco und dann hinunter an den Stillen Ozean gezogen. Den Zunamen Viracocha oder „Schaum des Meeres“ habe man ihnen gegeben, weil sie so hellhäutig gewesen und schließlich wie Schaum auf den Wogen verschwunden seien.“

... „Aber der Bürgermeister kam doch aus so einer rothaarigen Familie“, fing er wieder an. „Und er und seine Ahnen, die die großen Statuen herstellten, nannten sich Langohren. Ist es nicht eine komische Idee, sich die Ohrläppchen so weit auszudehnen, bis sie auf die Schultern baumeln?“

„Das ist gar nichts Besonderes“, erklärte ich. „Denselben Brauch gibt es auch auf den Marquesas, auf Borneo und bei einzelnen Stämmen in Afrika.“

„Und in Peru?“ ...

„Auch in Peru. Die Spanier erzählten, dass die herrschenden Inkas Orejones oder Langohren genannt wurden, weil ihnen zur Unterscheidung von ihren Untertanen gestattet war, künstlich verlängerte Ohrläppchen zu tragen. Jedes mal, wenn jemandem die Ohrläppchen durchbohrt wurden, um gedehnt zu werden, fand eine feierliche Zeremonie statt. Pedro Pizarro betont, dass sich die Langohren durch besonders weiße Haut auszeichneten.

„Und was berichtet die Sage?“

„Auf der Osterinsel erzählt sie, dass dieser Brauch von auswärts gekommen sei. Der erste König sei von „Langohren“ begleitet gewesen, als er von Osten her in einem seegängigen Fahrzeug das Eiland erreicht habe. Sechzig Tage soll er unterwegs gewesen sein, immer gegen Sonnenuntergang segelnd.“

„Im Osten lag das Inkareich. Und was weiß die Sage dort?“

„Con-Ticci Viracocha nahm Langohren mit, als er über das Meer nach Westen verschwand. Kurz bevor er Peru verließ, machte er auf seinem Wege vom Titicacasee zum Stillen Ozean hinunter in Cuzco Rast. Dort ernannte er einen Mann namens Alcaviza zum Häuptling und gab ihm den Auftrag, er und seine Nach­olger müssten sich nach seinem Verschwinden die Ohrläppchen verlängern. Die Spanier hörten ferner am Titicacasee von den Indianern, Con-Ticci Viracocha habe über ein Volk von Langohren geherrscht, das sich selbst Ringrim nannte, was „Ohren“ bedeutet. Con-Ticcis Untertanen seien in Schilfbooten auf dem See herumgefahren und hätten Löcher in ihre Ohren gebohrt, in denen sie große Ringe aus Totora-Schilf befestigten. Die Indianer erzählten auch, dass die Langohren Con-Ticci Viracocha halfen, jene kolossalen Steinblöcke von über hundert Tonnen Gewicht zu transportieren, die heute noch im Gelände liegen.“

„Und wie konnte man diese enormen Steine überhaupt bewegen?“

„Das weiß kein Mensch. Von den Langohren in Tiahuanaco ist niemand übriggeblieben, der - so wie unser Bürgermeister - ihre Methode der Nachwelt erhalten hätte. Aber es gab gepflasterte Straßen wie auf der Osterinsel, und einige der gewaltigen Blöcke müssen fünfzig Kilometer weit auf ungeheuren Schilfbooten quer über den Titicacasee verfrachtet worden sein, denn diese Art Gestein gibt es nur in dem erloschenen Kapia-Vulkan auf dem anderen Ufer. Ich habe selbst die gigantischen Blöcke gesehen, die verlassen am Fuß des Vulkans lagen, bereit zum Verschiffen über das riesige Binnenmeer. Die Ruinen eines dazu dienenden Kais sind noch immer in der Nähe sichtbar. Die Indianer nennen den ganzen Distrikt Taki Tiahuanaco Karna, das heißt „Der Weg nach Tiahuanaco“. Der nächste Berg heißt übrigens „Nabel der Welt“.“ (Name der Einheimischen für die Osterinsel, Anm. d. Verf.) ...

„Aber das hat doch alles nichts mit der Osteninsel zu tun“, bemerkte ich.

„Heißt nicht das Schilf, das man am Titicacasee für die Boote verwendete, Scirpus totora, und ist es nicht mit dem berühmten Süßwasserschilf identisch, das das Osterinselvolk in seinen Kraterseen anpflanzte?“

„Freilich.“

„Und war nicht die wichtigste Pflanze auf der Osterinsel, von der Roggeveen und Kapitän Cook berichteten, die Süßkartoffel, die die Osterinsulaner Kumara nannten?“

„Ja.“

„Und die Botaniker haben doch bewiesen, dass diese Pflanze südamerikanischer Herkunft ist, dass sie nur auf einem Fahrzeug unter sorgfältiger Betreuung durch den Menschen die Osterinsel erreicht haben kann und dass der Name Kumara auch von den Indianern Perus verwendet wurde, um die gleiche Pflanze zu bezeichnen?“

„Ja.“

„Dann habe ich nur noch eine Frage an dich: Dürfen wir annehmen, dass auch die Vorgänger der Inkas zur See fahren konnten, da wir doch wissen, dass die Inkas selbst es taten?“

„Ja, wir wissen, dass sie wiederholt die Galapagos besuchten. Außerdem kennen wir große Mengen von Bootsschwertern mit Handgriffen aus den Vor-Inkagräbern von Paracas, also genau von dort, wo man die rothaarigen Mumien hochgewachsener Menschen gefunden hat. Ein Schwert kann man nicht ohne Segel gebrauchen, und zum Segeln bedarf man eines Fahrzeuges. Ein einziges solches Schwert verrät mehr von der hochentwickelten Segeltechnik im alten Peru als jede Legende oder gelehrte Abhandlung.“

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