Interview mit der Archäologin und Autorin des Buches "Osterinsel - Reisen zum Nabel der Welt", Ana Valentina Gaona

Dr. Ana Gaona arbeitet als Archäologin in der Universidad de Chile in Santiago de Chile. Ihr Fachgebiet ist die prähistorische Seefahrt. In 1998 arbeitete Ana Gaona in einem interdisziplinären Forschungsteam mit, das umfangreiche Untersuchungen über die Geschichte der Osterinsel durchführte.

Dr. Gaonas Forschungen bezogen sich einerseits auf die Kenntnisse in Nautik der Völker, die als Besiedler  der Osterinsel in Frage kommen. Andererseits führte sie Versuche zum Transport der Steinfiguren mit Hilfe von Binsenbooten durch.

Das Interview wurde geführt von dem Wissenschaftsjournalisten  Paul G. Bahn und erschien in der Zeitschrift "Archaeologic Dialogues", Ausgabe 2/2001

 

Bahn: Ihr Fachgebiet ist die Seefahrt in prähistorischer Zeit. Ihr letztes Forschungsprojekt war das auf der Osterinsel im Jahr 1998. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

Dr. Gaona: Zunächst muss man einige Dinge über den pazifischen Ozean wissen, in dem auch die Osterinsel liegt. Der Pazifik bedeckt etwa ein Drittel der Erdoberfläche, und seine Ausdehnung von Ost nach West und von Nord nach Süd beträgt etwa in jede Richtung 17000 km. Doch als der Weltumsegler Magellan im 16. Jh. in den Pazifik kam, waren bereits alle bewohnbaren Inseln der rund 25000 Inseln seit Jahrhunderten besiedelt.

3500 km bis 5000 km Seereisen waren keine Seltenheit. Und das geschah mit Katamaranen, d.h. Einbäumen, die über eine Plattform verbunden waren und mit zwei bis drei Masten und einem dreieckigen Segel ausgestattet waren.

Eine meiner Untersuchungen galt den Navigationstechniken der Polynesier. Es war immer eine interessante Frage für uns, die wir den Kompass kennen, wie diese Völker die langen Seestrecken ohne solche technischen Hilfsmittel bewältigten.

Einige Erkenntnisse konnten wir gewinnen. Zum einen erfolgte die Navigation über die Beobachtung der Sterne. Mehr als 200 Fixsterne sind in Polynesien benannt. Auch die Position der Sonne im Lauf der Jahreszeiten spielte eine Rolle: Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden sind bereits lange bekannt gewesen. Das Wissen wurde immer vom Vater auf den Sohn mündlich weiter gegeben.

Es gab auch Seekarten aus Kokosfasern, Muscheln und Holzstäbchen, die die Position der bekannten Inseln anzeigten.

Andere Navigationstechniken bestanden in der Beobachtung des Meeres, z.B. in der Deutung der durch Küsten hervorgerufenen Veränderung des Wellenbildes, dem Auftreten von Nebelbänken, das Vorkommen von Treibholz. Auch die Analyse des Vogelflugs, der Zugvögel spielte eine Rolle. Bestimmte Vogelarten z.B. der Kuckuck ziehen über Hawaii und Tahiti nach Neuseeland.

Wir untersuchten aber nicht nur die nautischen Fähigkeiten der Polynesier sondern auch die der Inkas. Diese reisten mit Schilfbooten. Wir bauten in 1998 Katamarane und Binsenboote nach alten Zeichnungen und Überlieferungen nach und überprüften sie auf ihre Tauglichkeit.

Einige Forscher in unserem Team beschäftigten sich mit dem Warenaustausch der frühen Völker: Wie kommt z. B. südamerikanischer Mais in die Hand einer indischen Statue oder Tabak- und Kokapflanzen in die Pharaonengräber? Was natürlich für die Osterinsel interessant ist: Süßkartoffeln und Binsen aus der Region des Titicacasees, dem Siedlungsgebiet der Inkas, wurden auf der Osterinsel, aber auch in Neuseeland gefunden.

Die Arbeit meines Kollegen Dr. Manché  bestand  im Vergleich von Tontopf-Funden. Anhand der Tonwaren, die z. B. auf den Marquesas-Inseln ausgegraben wurden, lassen sich sehr schön die frühen Handelswege der Marquesaner nachvollziehen. So können Seereisen zwischen Tahiti und dem Tuamotu-Archipel oder zwischen Tonga, Samoa und den Ellice-Inseln nachgewiesen werden.

Interessant ist, dass auch auf der Osterinsel bei Ausgrabungen vereinzelte Tonscherben gefunden wurden. Das Wissen um die Töpferei verlor sich aber anscheinend bald. Die gefundenen Tonscherben ließen sich schwer einordnen. Sie weisen mehr Parallelen zu südamerikanischen Funden auf als zu Funden aus Polynesien.

 

Bahn: Was gibt es denn mittlerweile für konkrete Ergebnisse über die Herkunft der Osterinselbewohner und die Schöpfer der Moais?

Dr. Gaona: In 1998 gab es ja mit dem interdisziplinären Team umfangreiche Untersuchungen, die z.T. noch nicht abgeschlossen sind.

Heute kann ich sagen, dass die Puzzlesteine, die wir für das Bild mit der Überschrift "Geschichte der Osterinsel" gefunden haben, mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten.

Zunächst einmal ist die Arbeit in einer interdisziplinären Forschungsgruppe schwierig. Jeder hält seine eigenen Arbeiten für besonders wichtig, und jeder betrachtet die Ergebnisse der anderen mit Skepsis, weil sie möglicherweise die eigenen Ergebnisse wieder in Frage stellen. So ist es mir hundert und einmal ergangen.

Ich habe besonders gern mit Dr. Mosuke zusammen gearbeitet, der Genuntersuchungen an Ureinwohnern der Insel vorgenommen hat. Diese Arbeit wurde sehr erschwert durch eine neue weltweite Bewegung von Angehörigen alter Volksgruppen, die sich aus z. T. verständlichen Gründen Genuntersuchungen verweigern. Sie beeinflussten die Bewohnerinnen und Bewohner der Osterinsel, und es kostete uns sehr viel Überzeugungsarbeit, Testpersonen für Dr. Mosukes Forschung zu finden.

Die Tests selbst brachten leider wenig neue Erkenntnisse, Ergebnisse, die über frühere Untersuchungen hinausgehen. Demnach sind die Osterinselleute stärker verwandt mit den Nachfahren der Inkas als mit den Menschen aus Polynesien. Doch unser Sprachwissenschaftler kam zu ganz gegenteiligen Ergebnissen: Sprachverwandtschaft besteht zu Inselgruppen Polynesiens. Und wiederum andere Tatsachen ergaben sich aus den Forschungen der Ethnologen, der Archäologen, der Archäobotaniker und, und.

Die Technik des Steine Aufrichtens, die ethnischen Ähnlichkeiten, die Legenden der Inkas und der Osterinselleute weisen alle - wie schon Heyerdahl beschrieben hat - auf die Besiedelung der Osterinsel von Peru aus. Auch meine eigenen Forschungen über die Nautikkenntnisse der Inkas weisen in diese Richtung. Obwohl, wie vorher schon gesagt, auch eine Besiedelung durch die Polynesier gut möglich ist.

Die Bauwerke Perus weisen z. T. frappierende Ähnlichkeiten zu Megalithbauwerken Ägyptens auf. Die Sitte der Ausweitung der Ohrläppchen, so wie es von früheren Osterinselbewohnern überliefert ist und wie wir es an den Moais sehen können, kommt ebenfalls in Nordafrika vor.

Und woher kommt die ethnische Gruppe der groß gewachsenen, hellhäutigen, rot- bis blondhaarigen "Langohren", die sowohl in Peru als auch auf der Osterinsel von den westlichen Seefahrern des 18. Jh. beschrieben wurden?

Die früheren Bräuche, die Tätowierungen und vieles mehr, die uns von ersten Besuchen der westlichen Seefahrer geschildert wurden, haben wiederum Ähnlichkeiten zu Bräuchen der Insulaner Polynesiens, der Malayen, der Marquesaner, der Tahitianer.

Ich kann jetzt die ganze Fachdiskussion noch stärker verwirren, wenn ich Ihnen erzähle, dass die meisten Buddhadarstellungen, Figuren, die gleichen langgezogenen Ohrläppchen tragen wie die Moais. Das kann man vor allem schön an älteren Buddhaköpfen sehen. Der historische Buddha lebte um 600 v. C., die Osterinsel wurde wahrscheinlich ab 380 n. C., also etwa 1000 Jahre nach Buddha, erstmals besiedelt. Die Buddhisten deuten die langen Ohrläppchen des Buddha heute so: Sie seien ein Zeichen dafür, dass Buddha früher ein reicher Königssohn war, dessen Ohrläppchen durch das Tragen schweren Goldschmucks ausgeweitet wurden. Die langen Ohrläppchen sind ein Symbol dafür, dass Buddha dem Reichtum entsagte. Ab wann wurde diese Deutung vorgenommen? Kann es sich nicht auch um eine Umdeutung aus späterer Zeit handeln?

                 

Die Rongo-Rongo-Tafeln zeigen Verwandtschaft zu Schriftdokumenten der Indus-Kultur. Diese konnten gleichermaßen bis heute nicht entziffert werden.

Ausschnitt aus einer Rongo-Rongo-Tafel

Die Steinidole der Megalithkultur, die in Europa gefunden wurden, haben in Erscheinungsbild, vor allem in der Handhaltung und den fehlenden Füßen Ähnlichkeit mit den Moais. Auch was über die Technik des Transports und der Aufrichtung der Megalithen in Nordafrika und Europa bekannt ist, deckt sich mit den Versuchen Heyerdahls auf der Osterinsel in 1956.

Nur hatten die Osterinselbewohner, wie alle Völker auf den Inseln des Pazifik, kein Rad entwickelt. Im Gegensatz zu den Megalitherbauern, von denen man annimmt, dass sie die Menhire zumindest mit Hilfe von Baumrollen transportierten.

Wissenschaftler, wie alle Menschen, sehen Zusammenhänge, wo sie welche sehen wollen.

Vielleicht lässt das Ausdrucksmittel "Stein" nur bestimmte Formen der Bearbeitung, des Transports zu.

Meiner Auffassung nach muss der Denkrichtung Heyerdahls Beachtung geschenkt werden, nämlich dass es schon sehr früh weltweite Kontakte der Urvölker untereinander durch Seefahrt gegeben hat. Die Indizien für die Richtigkeit dieser Annahme häufen sich bei archäologischen Ausgrabungen weltweit.

Erst kürzlich startete Kitín Munoz, ein Spanier, mit einem Schilfboot von Barcelona aus nach Panama. Danach will er durch den Pazifik nach Polynesien segeln. Er will, wie Heyerdahl, nachweisen, dass solche Reisen technisch machbar sind.

Fotos der Expedition von Kitin Munoz

 

Bahn: Sie haben sich in Ihren Vorträgen und Büchern oft auf Thor Heyerdahl berufen. Sind Sie ein Fan von ihm?

Dr. Gaona: Wenn Sie meine Vorträge und Bücher aufmerksam verfolgt haben, werden Sie gesehen haben, dass ich auf diese Frage nicht einfach mit "Ja" oder "Nein" antworten kann. Die Herangehensweise Thor Heyerdahls, die Richtigkeit seiner Theorien mit Hilfe von Experimenten, mit Selbstversuchen zu untermauern, halte ich für die beste Methode in der archäologischen Forschung. Hier finde ich Heyerdahls Leistungen unübertroffen, und ich reihe ihn unter die größten Forschungspersönlichkeiten der Archäologie ein. Durch seine Arbeit hat er der Archäologie ganz neue Impulse gegeben und hat richtungsweisend in vielerlei Hinsicht gewirkt.

Meine eigenen Versuche, ein historisches Binsenboot nachzubauen, um damit einen Stein in der Größe eines Pukao (Steinhut eines Moais) an der Küste entlang zu transportieren, nehmen sich gegen die abenteuerlichen Fahrten Heyerdahls mit seinen Binsenbooten über die Weltmeere fast bescheiden aus.

Andererseits betrachte ich Heyerdahls Arbeit mit etwas Skepsis: Liest man seine Bücher, können sein Hang zur permanenten Selbstdarstellung und seine Effekthascherei einen auch ärgerlich machen. Dazu sah Herr Heyerdahl sich gewiss genötigt, nach dem Motto: "Klappern gehört zum Handwerk". Herr Heyerdahl war bei vielen Forschungen darauf angewiesen, Fördergelder zu gewinnen und Sponsoren zu überzeugen.

Ich möchte mich nicht als "Fan" Heyerdahls bezeichnen. Ich habe großen Respekt vor seiner Arbeit, aber den Kult um seine Person kann ich nicht mittragen.

 

Bahn: Eine der interessantesten Geschichten im Buch von Thor Heyerdahl ist für mich: die Osterinselbewohner behaupten auch, nachdem sie den Archäologen gezeigt hatten wie die Statuen transportiert und aufgerichtet wurden, immer noch auf die Frage, wie die Statuen an ihren Ort kamen, sie seien von selbst gegangen, die Hexe hätte sie verzaubert.

Was denken Sie? Sind die Statuen von Menschen transportiert worden oder von selbst gegangen?

Dr. Gaona: Es ist den Menschen eigen, "tote Materie" für belebt zu halten. Versuche mit Kindern haben gezeigt, dass sie bereit sind, nur sehr stilisierte Figuren als Puppe anzunehmen. Irgendein amorphes Holzstück oder ein Plastikzylinder mit zwei Augen reichen dem Kind aus. Und unsere Moais sehen sogar noch aus wie Menschen!

Für unsere Vorfahren der Steinzeit waren die Übergänge von belebter zu "unbelebter" Natur noch stärker fließend als für uns. Deswegen antworte ich Ihnen: Die Figuren sind von selbst gegangen, weil die Menschen glauben, dass es so ist. Dieser Glaube kann den schwersten Stein bewegen. Und warum haben die Figuren keine Füße? Damit sie - einmal durch den Zauber der Hexe an ihrem Platz angekommen - nicht mehr so leicht wieder weglaufen können.

Vielleicht denken Sie nun: Ja, das sind Steinzeitmenschen, oder was habe ich heute noch mit dem Glauben von Kindern zu tun? 

Ich versichere Ihnen, dass Sie nicht weit entfernt von Glaubensvorstellungen Ihrer Vorfahren sind, es ist Ihnen nur oft nicht bewusst. Sie können einen Selbstversuch machen, Ihren Glauben an die Belebtheit von scheinbar unbelebten Dingen zu aktivieren. Gehen Sie in eine katholische Kirche, und schlagen Sie einer der Christusfiguren den Kopf ab!

Ich sehe Ihrem Gesicht an, wie dieser Vorschlag bei Ihnen wirkt. Ich behaupte, Ihre inneren Widerstände, so etwas zu tun, werden sogar noch stärker sein, als die Reaktionen Ihrer katholischen Mitmenschen auf diese Tat.

Es ist eine hässliche Figur aus Holz oder Gips! Was soll geschehen, wenn Sie ihr den Kopf abschlagen?

Und hat nicht Gott selbst in seinem ersten Gebot angeordnet, keine Abbilder von ihm zu schaffen. Ein Gottesabbild in einer Kirche zu zerstören wäre ganz im Sinne der Gebote der Bibel. Was hält Sie zurück, es zu tun?

Es ist übrigens gleichgültig, welches religiöse Symbol Sie zerstören. Schmeißen Sie in Russland eine Leninstatue vom Sockel, oder hauen Sie einen Porzellanbuddha in Stücke! Massiver wirkt es natürlich in Ihnen, wenn Sie ein Zeichen Ihrer eigenen Religion entweihen.

Ein weiteres Beispiel für das magische Denken des modernen Menschen ist, dass Maschinen mit Namen belegt werden. Meine Eltern fuhren viele Jahre einen VW-Käfer, der auf den Namen "Feliz" hörte. Es war der erste Wagen meiner Eltern, und er wurde sehr gepflegt.

Und ist ein Automobil nicht ein ähnliches Wunder wie eine Moai-Statue? Es heißt sogar Automobil (Selbstbeweger). Würden Sie allen Ernstes behaupten wollen, dass ein Auto sich von selbst bewegt. Wir wissen, dass es das nicht tut. Vor allem merken wir es, wenn es kaputt ist.

Wissen und Glauben sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Warum geben Menschen ihren Autos, ihren Computern Namen? An vielen Autos oder vor allem LKWs stehen die Namen sogar angeschrieben. Ein neues Auto bekommt einen neuen Namen oder wird in Nummern hochgezählt, z. B. "Feliz 2".

Und haben Sie nicht schon öfters das Gefühl gehabt, Ihr Auto hätte einen eigenen Charakter?

 

Bahn: Wie denken Sie über die Theorie Dänikens und seiner vielzähligen Anhänger, die Moais seien von Außerirdischen beeinflusst oder gar aufgestellt worden?

Dr. Gaona: Dazu muss man zunächst einmal sehen, wann die Theorien von Herrn Däniken aufgekommen sind. Das war zu dem Zeitpunkt, als wir Menschen zum ersten Mal fähig waren, ins All zu fliegen. Ab da kam die ganze "Außerirdischen-Szene" auf den Plan. Wir wissen nichts: Ich selbst bin z. B. der Auffassung, dass bei den unzähligen Sonnen, Planeten, Monden allein in unserer Milchstraße auch unzählige, bewohnte Himmelskörper existieren. Niemand kann mir das Gegenteil beweisen. Es gibt unter den Menschen, die sich mit außerirdischen Lebensformen gedanklich befassen, zwei große Gruppen: ich möchte die einen als "Geozentriker" und die anderen, zu denen ich mich zähle, als "Panvitalisten" bezeichnen. Die Geozentriker glauben, dass die Erde der einzige von Leben erfüllte Ort im Universum und der Mensch "die Krone der Schöpfung" ist. Obwohl ich mich - wie Herr Däniken auch - der zweiten Gruppe zuordne, halte ich die Theorien von ihm für glatt falsch.

Es liegen bereits viele sehr gute Forschungsergebnisse der experimentellen Archäologie vor, die eindeutig nachweisen, wie Leute der Steinzeit die tonnenschweren Brocken bewegt und aufgerichtet haben. Wir haben z. B. gezeigt, dass der Transport eines großen Steines mit Hilfe eines Binsenbootes verhältnismäßig einfach möglich ist.

Ich möchte hier nicht den Fehler machen, mit dieser Aussage die schier unglaublichen Transportleistungen unserer Vorfahren herunter zu spielen. Fast 1000 Moais zum Teil über unwegsames Gelände mehrere Kilometer weit zu transportieren und dann auf hohe Steinplattformen aufzurichten, ihnen ihre "Perücken" aufzusetzen, das ist eine tolle und außerordentliche Leistung. Ich begreife, dass Herr Däniken da ins Staunen kommt.

Zu jeder Zeit ihrer Geschichte haben Menschen aber außerordentliche technische Leistungen vollbracht. Wissen Sie, wie schwierig die Produktion eines brauchbaren Korbes oder eines Tontopfes ist? Wie viele Dinge es bei der Herstellung zu beachten gibt?

Und die Leistungen von heute?

Ich habe einen Freund, der Diabetiker ist. Er zeigte mir letztens die Kanüle, mit der er sich Insulin ins Bauchfell spritzt. Sie ist dünner als der Stachel einer Biene. Und sie ist innen hohl! Das ist fantastisch, ein großartiges Wunder. Heutzutage werden diese Hilfsmittel zu Tausenden produziert, und niemand käme auf die Idee, sie dem Einfluss von Außerirdischen zuzuschreiben. Überhaupt: Wer erklärt sich Autos, industrielle Produktionsstraßen, Flugzeuge, Kunstherzen, Telefon, Fax, Fernsehen, Computer, das Internet mit dem Wirken von Göttern oder Besuchern anderer Planeten auf unserer Erde? Es gibt vielleicht Menschen, die glauben, dass diese ganzen Dinge Teufels Werk sind ...

 

Bahn: Was ist dann ihrer Meinung nach der Grund für die Errichtung der Moais?

Dr. Gaona: Viele, wenn nicht gar die meisten technischen Erfindungen von heute werden aus kommerziellen Beweggründen gemacht. In erster Linie wird Forschung unterstützt, die sich militärisch verwenden lässt. Bei 70 % der modernen Forschung geht es um Marktinteressen oder militärische Verwertbarkeit, und bei nur 30 % handelt es sich um Forschung, die um des Erkenntnisinteresses durchgeführt wird. Und das ist wohlwollend von mir geschätzt. Denn in die nicht direkt wirtschaftlich oder militärisch verwendbare Forschung werden kaum öffentliche Gelder investiert.

Ich behaupte, es gibt heute keine Technikentwicklung, die aus religiösen Gründen durchgeführt wird.

In früheren Zeiten war dies anders: In Steinzeitgesellschaften gab es kein Geld, und wahrscheinlich war die Gesellschaft nicht auf privatwirtschaftlichem Interesse und Privatbesitz aufgebaut sondern auf Sorge um die Gemeinschaft. Bestattungen wurden in Gemeinschaftsgräbern vorgenommen. Es gab keine exponierten Bestattungen von Führungspersönlichkeiten.

Eine derart strukturierte Gesellschaft errichtet ihre Steinbauwerke nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Um wie viel stärker religiöse Motive den Menschen zu technischen Höchstleistungen anzuspornen vermögen, zeigen uns Bauwerke wie die Pyramiden von Gizeh, die noch viel größere Pyramide bei Cholula de Rivadabia in Mexiko oder eben die Moais der Osterinsel.

Die Technikentwicklung in der westlichen Welt hat sich im Laufe der Zeit immer stärker aus religiöser Einbettung gelöst. Noch vor wenigen Jahrhunderten waren auch in unserer Welt die Kunst und die Technik stärker religiös motiviert. Die größten Kunstwerke, die fantastischten Bauwerke wurden zur Gottesverehrung geschaffen.

Die andere Geisteshaltung unserer Vorfahren ist für den modernen Menschen sehr schwer nachvollziehbar. Obwohl wir im Durchschnitt eine viel größere Lebenserwartung haben als die Menschen früher, also viel mehr Lebenszeit zur Verfügung, können wir kaum begreifen, warum die Erbauer der riesigen Megalithanlagen so viel Zeit auf diese Arbeit verwendet haben. Für uns muss alles schnell gehen.

Man muss vielleicht die Arbeit an den Steinen selbst oder den Transport als eine Art Gottesdienst auffassen. Ich verstehe es so.

Es ist sehr schwer, Zeugnisse einer Kultur zu interpretieren, die uns keine Schrift hinterließ, oder zumindest keine bis heute entschlüsselbare Schrift.

Selbst, wenn eine Kultur uns Schriften hinterlassen hat, gibt es genügend Fehlinterpretationen. Sie wissen selbst, dass Sie noch nicht einmal alle Schriften verstehen können, die in ihrer eigenen Zeit verfasst wurden. Sind Sie sicher, dass Sie das richtig verstehen, was ich Ihnen heute in diesem Interview sage? Alles, was Sie hören, interpretieren Sie vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen.

Die Vermutungen darüber, was Megalithbauwerke wie Stonehenge, die Steinreihen der Bretagne oder die Moais bedeuten, ändern sich ständig. Roggeveen sagt, dass die Moais aus Lehm hergestellt sind, in den nachträglich Steine gedrückt wurden, eine Theorie, die man auch schon im 16. Jh. über die Megalithbauwerke Westeuropas aufgestellt hat. Mal davon abgesehen, dass man leicht nachprüfen kann, dass dies nicht stimmt, sieht man an diesem Beispiel sehr deutlich, wie der Erfahrungshintergrund den Menschen beeinflusst: In Holland, Roggeveens Heimat, gibt es kaum Megalithen, es gibt sogar kaum große Steine. Die Holländer mussten Steine für den Deichbau aus anderen Ländern importieren.

Sehr schön kann man dieses Phänomen an den Interpretationen von Stonehenge verdeutlichen: Gibt es keine Datierungsmethoden wie die Radiokarbonmessung, schreibt man Stonehenge den Kelten zu, eine Theorie, die auch heute noch die meisten Menschen annehmen. Obwohl mittlerweile ganz klar bewiesen wurde, dass Stonehenge und die Kelten nichts miteinander zu tun haben. Für die Menschen des Mittelalters sind Megalithbauwerke Teufelswerk, für die Keltenromantiker keltische Opferplätze, für die Menschen des Raumfahrtzeitalters sind sie entweder von außerirdischen Besuchern gebaut, oder sie sind Bauwerke zur astronomischen Beobachtung. Und für uns Menschen des Computerzeitalters sind sie vorgeschichtliche Computer.

In der archäologischen Forschung muss man solche Interpretationen vornehmen. Es ist auch durchaus gut und richtig, scheinbar absurden Eingebungen zu folgen. Ich könnte Ihnen jetzt völlig verrückte Ideen schildern, die ich in Bezug auf die Moais schon hatte und würde damit vielleicht eine tolle Fachdiskussion auslösen.

Menschen allgemein und natürlich besonders wir Wissenschaftler können es nicht ertragen, wenn Dinge ungelöst bleiben. Man versucht Verbindungen herzustellen zwischen Phänomenen, die vielleicht gar nichts miteinander zu tun haben. Es gibt z. B. über die Moais neuere Forschungsarbeiten, die einen Zusammenhang zwischen den Standorten der Figuren und Sternbildern herstellen. Diese Denkrichtung gibt es natürlich auch schon lange bezüglich der Megalithbauwerke Europas.

Eine andere sehr beliebte Interpretation ist die der Geomantie: Die Steine wurden auf bestimmten Energielinien der Erde platziert.

Aber im Prinzip können wir jeden noch so abwegigen Zusammenhang herstellen. Für jede Theorie lassen sich Argumente finden: Ich könnte Ihnen z. B. mit Leichtigkeit ganz stichhaltig, scheinbar stichhaltig beweisen, dass der historische Jesus in Wirklichkeit eine Frau war. Was würden Sie dazu sagen?

 

Bahn: Das schockiert mich genauso, wie Ihre Äußerung, ich solle in eine Kirche gehen und eine Christusfigur enthaupten. Sie sind ja für Ihre Provokationen bekannt und bei Ihren Kollegen gefürchtet.

Sie haben sich immer gegen die Wiederaufrichtung der Moais ausgesprochen. Warum?

Dr. Gaona: Ich habe für meine wissenschaftliche Arbeit in den letzten Jahren drei Gruppen von Feinden ausgemacht: die so genannten Denkmalschützer, die so genannten Naturschützer und die romantischen Geschichtsverklärer.

Ich finde die Forschungsleistung von Thor Heyerdahl, nämlich mit Hilfe des überlieferten Wissens der Eingeborenen eine Moai-Statue zu transportieren und wieder aufzurichten, völlig in Ordnung. Ich habe nichts dagegen, dass man aus einem Erkenntnisinteresse heraus solche Experimente macht. Doch die Richtung der Denkmalschützer will nicht - wie es ihr Name verheißt - Denkmäler schützen oder konservieren, sondern - hier sind sie sich mit den Romantikern einig - sie wollen Denkmäler ganz neu aufbauen, so wie sie es sich mit ihrer begrenzten Einbildungskraft heute vorstellen. Dagegen werde ich mich immer wehren.

Wenn man Denkmalschützer fragt, warum sie etwas wieder restaurieren wollen, erklären sie einem, sie möchten es wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen. Welchen ursprünglichen Zustand? Hier könnten wir jeden Punkt der Geschichte wählen: Wir könnten die Statuen z. B. wieder zurück nach Rano Raraku tragen und sie in die Felsen einfügen, aus denen sie gehauen wurden. Dieses Beispiel zeigt, wie absurd die Argumentation der Denkmalschützer ist. Denkmalschützer werden zudem von ihrem Ordnungsfimmel geleitet: Die Statuen sollen so aufgerichtet werden, wie es gefällig ist. Sie sollen hübsch und eindrucksvoll aussehen, natürlich nach Geschmack und Mode der heutigen Zeit.

Das antike Volk der Kelten in Europa hatte die Angewohnheit, kultische Metallgegenstände, Dolche, Messerklingen usw. eigens als Grabbeigaben herzustellen. Bevor sie in die Gräber gelegt wurden, verbog man sie, man machte sie dadurch unbrauchbar. Sicher hatten die Kelten ihre Gründe, warum sie dies taten. Bevor es unseren "Denkmalschützern" dämmerte, dass die Fundstücke mit Absicht verbogen worden waren, begradigten sie bei der Restauration alle keltischen Metallfunde. Die Dolche sahen fast aus wie frisch geschmiedet. Durch diese Fehleinschätzung gingen wahrscheinlich bedeutsame Erkenntnisse über die Bestattungsriten der Kelten verloren. Und so ist es mit den Moais gleichermaßen. Wichtige Spuren in die Geschichte der Osterinsel werden durch das zwanghafte Aufrichten in der vermeintlich ursprünglichen Formation verwischt.

Unterstützung erhalten die Denkmalschützer von der Tourismusmafia. Jetzt kann man die Osterinsel plötzlich ganz anders vermarkten.

 

Bahn: Eine letzte Frage: Wann werden wir Ergebnisse Ihrer Arbeiten vorliegen haben?

Dr. Gaona: Über Teilaspekte meiner Forschungen auf der Osterinsel habe ich bereits Artikel veröffentlicht. Ich plane dieses Mal kein eigenes Buch, sondern gebe mit den Wissenschaftlern anderer Disziplinen ein gemeinsames Buch heraus. Es wird Ende 2003 wahrscheinlich unter dem Titel "Woher sie kamen - wohin sie gingen - Die Bewohner der Osterinsel" erscheinen.

Bahn: Herzlichen Dank für das Interview. Wir erwarten mit Spannung, was wir noch über die Geheimnisse der Osterinsel erfahren werden. **

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** dieses Interview ist eine Science-Fiction-Geschichte von Bettina Licht